Vor dreißig Jahren gab es keine Videospiele, kein Internet, kein Konsumüberschuss, aber fünf Jungs, die unbedingt zusammen Musik machen wollten. Keiner hätte wohl damals, um 1982, gedacht, dass man nach 30 Jahren immer noch zusammen durchs Land ziehen, das Publikum Eintritt zahlen und man seine Instrumente beherrschen würde. Doch all dies ist geschehen und so veröffentlichten die Toten Hosen gestern, einen Tag nach ihrem Premierenkonzert in Köln, ihr 13. Studioalbum.
Die Platte beginnt, ganz nostalgisch, mit einem Intro, das ein wenig an „Auf dem Kreuzzug ins Glück“ erinnert und eine unglaubliche Spannung aufbaut, ehe es fließend in den Song „Ballast der Republik“ übergeht. In Zusammenarbeit mit Marten (aka Marteria aka Marsimoto) beschwert sich Campino über den nach wie vor vorhandenen Sonderstatus, den Deutschland aufgrund seiner Geschichte, in der Welt einnimmt.
Im Anschluss daran gibt es wieder leichtere Kost: „Tage wie diese“, das bereits in allen möglichen Radiostationen, Fernsehsendern sowie Fußballstadien rauf und runter gespielt wird und live ein absolutes Highlight ist. Und weenngleich das nächste Lied „Traurig einen Sommer lang“ eher stolpernd in die Gänge kommt, überzeugt es dennoch mit einem unglaublich eingängigen Refrain.
Mein persönliches absolutes Highlight der Platte trägt die Startnummer fünf und den Titel “Altes Fieber”. Nachdem ich den Song nun auch schon zwei Mal live hören durfte, freute ich mich auf die Studioversion und wurde nicht enttäuscht. Eine Portion Nostalgie, eine Prise Melancholie und das Wissen, dass Campino einem die Worte aus dem Herzen abliest: „Und immer wieder sind es die selben Lieder, die sich anfühlen, als würde die Zeit stillstehen. Denn es geht nie vorüber, dieses alte Fieber, das immer dann hochkommt, wenn wir zusammen sind.“
Auf Platz Nummer zwei folgt ohne Frage „Draußen vor der Tür“. „Ich wollte nie so sein wie du und wie du denkst. Heute merke ich immer wieder, wie ähnlich ich dir bin.“ – Campino liefert vielleicht kein lyrisches Meisterwerk, aber einen Text, der definitiv ganz tief aus seinem Herzen kommt und mit Sicherheit vielen Leuten aus dem selbigen spricht. „Das ist alles so lange her, so unendlich weit weg. Und ich habe kapiert, dass ich dich nie, niemals verliere. Doch obwohl du mir bleibst, fehlst du mir sehr.“ – Zehn Jahre nach der Auswärtsspielplatte findet sich mit dieser Akustik-Nummer ein würdiger Nachfolger für „Nur Zu Besuch“ und eine Livenummer, die vereinzelt immer wieder für Tränen sorgen wird.
Doch nein, die Platte ist nicht Bierernst. Direkt nach „Draußen vor der Tür“ folgt „Das ist der Moment“, das erst einmal nur für Kopfschütteln und dann für regelmäßige Lachanfälle bei der Zeile, „Linkin spielen im Park und wir am Ring“, sorgt. Nach zweimaligem Live-Hören wächst die Vorfreude, dieses Lied mit Freunden im Arm auf den Konzerten zu singen.
Nach 15 Songs darf der Titel„Vogelfrei“ die Platte abschließen: Doch nicht etwa ruhig, wie auf vergangenen Platten. Nein, es geht noch einmal voll auf die Zwölf, wenn die Hosen zur Feier bitten: „Der nackte Wahnsinn, ihr müsstet hier sein – selbst der Teufel schaut ab und zu vorbei!“ Ehe die Platte endet, ertönt noch eine halbe Minute lang das Outro, das dem Beginn der Platte gleicht und auf dem Gesicht der Zuhörers erscheint ein breites Grinsen: Die Hosen sind wieder zurück!
Das Album hat alles, was es zu einem guten Hosenwerk braucht: Politische Songs (Europa), Liebeslieder (Drei Worte, Oberhausen) und eine Fußballnummer (Schade, wie kann das passieren?). Natürlich freundet man sich nicht auf Anhieb mit allen Songs an – „Alles hat seinen Grund“, sowie „Reiß dich los“ wollen mir nach wie vor nicht wirklich gefallen. Aber nachdem „Zurück zum Glück“ und „In aller Stille“ in meinen Ohren eher schwerere Kost waren, kann „Ballast der Republik“ ohne weiteres an meinen Lieblingsplatten „Kauf MICH!“, „Opium fürs Volk“ und „Auswärtsspiel“ anknüpfen.
Anders als andere Bands, die zum Bandjubiläum gerne befreundete Bands einladen, um die eigenen Songs covern zu lassen, haben die Hosen dieses Mal den Spieß umgedreht. Mit den unterschiedlichsten Nummern aus den vergangenen 30 Jahren der deutschsprachigen Musikszene geben sie noch einmal knapp 40 Minuten Nachspielzeit.
Die größte Freude besteht wohl darin, dass es die Moorsoldaten endlich auf eine Hosenplatte geschafft haben, nachdem sie es bereits vor vier Jahren das ein oder andere Mal live gespielt hatten. Besonders überrascht war ich von „Das Modell“ (Kraftwerk) und „Heute hier, morgen dort“ (Hannes Wader), die ich im Original nicht kannte, mich live aber beide Mal umhauten. Einzig und allein die Frage, warum „Schrei nach Liebe“ auf den Hosenkonzerten fast noch frenetischer abgefeiert wird, als die eigentlichen Hosensongs, bleibt offen im Raum stehen. Nichtsdestotrotz haben die Hosen eine unglaublich gute Auswahl getroffen, was ihre Bonus-CD angeht. Dankesehr!
Wen sieht man nun also in Frankfurt (Oder), Innsbruck und/oder am Ring zum gemeinsamen Feiern der neuen Platte?
Arabell
Schöne Besprechung. Teile eigentlich die selben “Gefühle” zu dieser Platte. Oberhausen hab ich allerdings noch nicht kapiert
War in Bremen am Konzert (das toppt so schnell eh nichts), und hoffe dass sie bald mehr im Raum Oberbayern spielen, von mir aus auch in der ollen Olympiahalle zu München
BIN IN FRANKFURT ODER AM START; WIE IMMER; VORNE LINKS; MITT; RECHTS; UNTERHALB DER BRETTER; DIE DIE WELT BEDEUTEN;
GRUSS;
MAETSCHENS MC MURPHY
Hey Ara!
Ein schöner Bericht, der auch meine Empfindungen wiederspiegelt!
“Altes Fieber” ist auch mein Favourit von der Scheibe. Und das Cover-Album macht einfach nur Spaß und rockt wie Sau!!! (:
Hey, ich freue mich, mit Dir in Farnkfur/Oder die neue Platte abzufeiern! (:
Verrockte Grüße,
Andreas.
Schöne Rezension, hätte glatt von mir sein können
Ich sehe das wirklich haargenau so: Altes Fieber und Draußen vor der Tür gefallen mir am besten, Alles hat seinen Grund und Reiß dich los finde ich bisher nicht so stark. Mal sehen wie sich das beim weiteren Hören noch so entwickelt