Nur ein Tag nachdem wir Casper interviewen durften, trafen wir im Würzburger b-Hof auf die Jungs von Itchy Poopzkid. Im Gegensatz zum Vortag, wurden wir nicht in die Abstellkammer verdrängt, sondern durften es uns im, mit Essen überladenen, Backstageraum bequem machen. Ohne zu zögern bot uns Panzer Cola und Bier an (und öffnete letzteres erwähnenswerter Weise mit seiner Gabel!), während uns Sibbi mit einem energischen „Jetzt nehmt euch doch wenigstens ‘nen Keks!“ aufforderte, uns auch am aufgebauten Buffet zu bedienen. Da man mit vollem Mund nur schlecht reden kann, lehnten wir dankbar ab und begannen in bester Laune mit unserem Interview:
(Max platzt noch einmal zur Tür hinein) Panzer: Entschuldigung, wir führen hier gerade ein Interview!
Max: Das ist mir sowas von egal!
Sibbi: Hier bitte nur Band! (Gelächter)
LT: Erst einmal vielen Dank, dass ihr euch für uns Zeit nehmt…
Max: Bitte, bitte! (Verlässt unter großem Gelächter den Raum)
LT: Gestern ward ihr noch in München – heute spielt ihr in Würzburg: Wie sehr freut ihr euch auf den heutigen Abend?
Panzer: Sehr! Ich find’s cool, dass heute die 5BUGS mitspielen. Mit denen waren wir schon vor sieben Jahren das erste Mal auf Tour und deswegen freuen wir uns sehr. Und ich find’ es cool, dass es hier 20-jähriges Jubiläum hat, weil in unserer Heimatstadt, Eislingen an der Fils, gibt es zwar auch Jugendhäuser, aber die sind beide so schlecht! Eins hat nicht einmal offen; da muss man sich anmelden, wenn man da rein möchte. Und völliger Kram so mit Luxussofas…
Sibbi: Und im anderen sind nur so Gangster am Bahnhof. Es ist ganz schlimm. Bei uns gibt’s so ‘ne Jugendclubkultur mit Konzerten auch gar nicht. Deswegen freuen wir uns, dass es so etwas hier gibt und dass es jetzt schon seit 20 Jahren besteht. Und wir freuen uns eigentlich auf jeden Auftritt!
LT: Ihr habt zum Beginn des Jahres euer aktuelles Album „Lights out London“ veröffentlicht und ward im Anschluss daran direkt auf Tour – wenn ihr jetzt rückblickend ein Fazit ziehen müsstet; wie bleibt euch die Tour in Erinnerung?
Sibbi: Es war die erfolgreichste Tour bisher und sie war fantastisch. Wir hatten sie nicht so gut erwartet, weil eben so viel Leute da waren. Aber es war immer eine wahnsinns Stimmung. Es war eigentlich die schönste Tour, die wir jemals gespielt haben! Wir haben eine schöne Vorband dabei gehabt…
Panzer: ‘Ne gute Vorband! Schön waren sie nicht so… (lacht).
Sibbi: – Attack! Atack! aus Wales. Und es war perfekt!
Panzer: Es ist auch so, wenn man ein neues Album raus bringt, dann kriegt man die ersten Reaktionen. Aber das meiste läuft über Musikmagazine oder das Internet; dass man da so mit bekommt, wie die Leute das finden. Das ist dann aber alles sehr indirektes Feedback. Dann geht man auf Tour und auf einmal sind hundert Leute da, die halt die Texte von jedem Song mitsingen können…
Sibbi: Hundert Leute!?
Panzer: Hunderte!
Sibbi: Achso…
Panzer: Tausende von Leuten! Das ist einfach hammer, wenn man da auf der Bühne steht und auf einmal singen die da die Lieder mit, an denen man so lange gearbeitet hat
Sibbi: Ich weiß noch bei unserem ersten Konzert in Bochum – da hatten wir die Songs ja wirklich noch nie live gespielt – da haben wir angefangen mit “Why still bother” und man wusste nicht, wie sie reagieren. Vielleicht stehen sie ja auch einfach nur mit verschränkten Armen da und gucken uns blöd an. Aber es sind gleich alle von Anfang an durchgedreht! Das war einfach ein wahnsinns Gefühl – das werde ich nie vergessen!
LT: Bleiben wir noch einmal ganz kurz bei eben angesprochenen neuen Album. Vor einer Woche habt ihr das dazugehörige zweite Video zu “Down Down Down” präsentiert. Wie kam es zu der Videoidee?
Sibbi: Zusammen mit unserem Videoregisseur Vlady Oszkiel, der lustigerweise mit uns in die Schule gegangen ist, dann sieben Jahre in Amerika war und dort Film und so weiter studiert hat. Wir wollten einfach mit ihm ein Video machen und …
Panzer: Das wollten wir eigentlich schon seit fünf Jahren machen, aber es hat irgendwie nie funktioniert, weil er irgendwo in Chicago rum gelaufen ist und deswegen ging das nicht. Aber jetzt ist er da! Dann haben wir mit ihm ganz lange gebrainstormt und über den Sebastian Hafner wird dann die Geschichte geschrieben.
Sibbi: Ja genau und irgendwann kam dann auch die Idee, die das Video jetzt schon hat. Das fanden wir gleich fantastisch. Dann haben wir die zusammen ausgefeilt und mit viel Vorbereitung gedreht. Man muss das Video echt sehen, dann kann man sich vielleicht halbwegs ein Bild davon machen, wie aufwendig der Dreh war und wie lange wir dafür proben mussten. Es ist ein Oneshoot-Video; es ist an einem Stück gedreht. Wir haben zwei Drehtage gehabt und eineinhalb Tage haben wir nur geprobt!
Panzer (fällt ins Wort): Echt?
Sibbi: Ja, weißt du noch? Vielleicht warst du auch dabei… Ja und das Ergebnis ist fantastisch geworden. Wir finden es total klasse, weil es eben so ein besonderes Video ist und es so in der Form noch nicht gibt. Die Idee hat super funktioniert und wir sind froh, dass wir jetzt endlich mal mit Vlady ein Video gedreht haben!
LT: Wie wichtig ist für euch überhaupt noch so ein Musikvideo in einer Zeit, in der das Musikfernsehen eigentlich kaum noch Musik zeigt?
Panzer: Das hat natürlich an Wichtigkeit verloren; das ist schon so. Das ist schon seit ein paar Jahren so…
Sibbi: Aber ich finde nicht für uns…
Panzer: Nö, für uns nicht. Aber generell einfach. Es wird halt weniger gesehen, weil es MTV nicht mehr gibt. Auch vor zwei Jahren gab es MTV eigentlich schon nicht mehr, weil da ja nur komische Sendungen liefen und keine Musikvideos mehr. Deswegen hat das an Wichtigkeit schon eingebüßt, aber für uns ist es einfach total super, einen Song visuell zu unterstützen oder was anderes daraus zu machen oder vielleicht damit sogar ‘ne ganz andere Stimmung zu erzeugen. Wir haben da immer großen Spaß daran.
Sibbi: Wir achten auch schon darauf, dass unsere Videos gut sind und wir können auch zurückblickend sagen, dass wirklich jedes Video von uns super geworden ist. Und das es immer was besonderes ist, wir uns da echt etwas überlegt haben und da auch echt viel Arbeit und Ideen rein gesteckt haben.
Panzer: Wir haben noch nie so ein normales Performance-Video gedreht. Das ist uns persönlich sehr wichtig und deswegen machen wir das.
LT: Euer aktuelles Album wurde ja nun auch erstmals auf eurem eigenen Label veröffentlicht; wie zufrieden seid ihr jetzt im Nachhinein mit dieser Entscheidung?
Panzer: Jetzt können wir echt sagen, dass wir echt glücklich sind. Am Anfang hatten wir natürlich Zweifel, ob das alles so funktioniert. Wir hatten – gelinde gesagt – einfach keine Ahnung davon, wie so etwas funktioniert. Aber jetzt ist das Album so hoch in die Charts eingestiegen wie noch nie – wir haben echt gut verkauft und freuen uns einfach darüber, dass alles so gut geklappt hat. Es ist natürlich total viel Arbeit, die man da hat – auch Arbeit, wo ich gedacht hätte, dass man sowas als Musiker nicht machen muss: Ganz viel am Laptop rum sitzen, irgendwelche Formulare ausfüllen, Verträge unterschreiben, die man nicht versteht (lacht). Dann muss man natürlich auch die ganzen Agenturen, mit denen man zusammen arbeitet selber aussuchen – was aber auch positiv ist, weil man dann ausschließlich mit Leuten zusammen arbeiten kann, die man mag.
Sibbi: Man muss sie aber auch selbst bezahlen! Also es ist auch schon ein finanzielles Risiko – ein riesiges Risiko! Aber im Nachhinein würden wir das sofort noch einmal so machen, weil wir einfach diese Freiheit so brauchen. Einfach machen zu können, was wir wollen – in jeder Hinsicht. Uns geht es total gut damit.
LT: Nun hast du eben schon angesprochen, dass das alles recht wage ist. Mit der Entscheidung all das selbst in die Hand zu nehmen, seid ihr ja nun einen Schritt in die Richtung gegangen, dass die Leute sagen: “Okay, die Jungs meinen es mit dem Musikmachen wirklich ernst und möchten damit ihr Geld verdienen oder zumindest über die Runden kommen.” – Aber trotzdem ist der ganze Musikmarkt ein eher unsicheres Feld. Wünscht ihr euch hin und wieder vielleicht doch ein eher gesicherteres Leben zurück?
Sibbi: Super Frage!
Panzer: Das ist echt ‘ne gute Frage.
Sibbi: Ich versteh’s total und ich kann die Frage auch sofort genau so unterschreiben, weil es stimmt schon. Wir können jetzt glücklicher Weise seit ca. sechs Jahren von der Musik leben und uns geht’s fantastisch damit, weil wir einfach unseren Traum leben in dem Sinne. Aber man hat trotzdem hin und wieder solche “Zukunftsängste”, weil es, wie du sagst, nicht sicher ist. Ich weiß nicht was in zwei oder fünf Jahren ist. Gut, in einem halben Jahr da sind wir wieder auf Tour, aber wenn da keine Leute kommen, dann haben wir auch ein Problem! Und wenn zehntausend kommen, ist alles gut. Man weiß es nicht. Aber das macht es auch spannend und es zwingt einen auch dazu, seine Kraft und seine Energie rein zu stecken. Im Endeffekt versuchen wir uns sehr oft einfach klar zu machen, dass wir so privilegiert sind, dass wir das machen dürfen, was wir eigentlich am liebsten machen: Nämlich, dass wir unser Hobby zum Beruf gemacht haben. Das ist durch nichts zu ersetzen!
Panzer: Wir sehen das so, dass es einfach ein krasses Geschenk ist, dass wir davon leben können und nicht irgendwelche doofen Jobs machen müssen, die wir am Anfang von unserer Laufbahn noch nebenher machen mussten, weil es finanziell eben nicht gereicht hat. Das war echt ganz schön übel. Wir sind so froh darüber, dass es jetzt so läuft und – … scheiße, jetzt hab ich den Faden verloren….
Sibbi: Und du hast Hunger!
Panzer: Hunger!? Ja, und das tolle ist auch, dass man immer irgendwo hin kommt und da hat jemand Möhren aufgeschnitten und so Zeug!
Sibbi: Wobei! Die Leute kümmern sich hier wirklich sehr, sehr gut um uns. Aber die Möhren – guck mal! (Nimmt eine aufgeschnittene Möhre und biegt sie wie ein Stück Gummi. Gelächter.) Ich glaub, die sind von gestern!
Panzer (lachend): Die hat der Casper übrig gelassen!
Sibbi: Ja, ich glaub schon, weil frische Möhren lassen sich nicht so biegen! Und ich hab ein dickes Stück genommen!
LT: Ihr habt eben schon angesprochen, dass ihr im Herbst wieder auf Tour geht. Nennt uns doch einmal drei gute Gründe, warum ein musikbegeisteter Mensch da hin gehen sollte!
Sibbi: Erstens: Wir brauchen das Geld. (Gelächter.) Nein, erstens: Wir geben bei jeder Show alles! Und nicht nur 100%, sondern 112%! Und wir werden wieder eine super Supportband dabei haben. Das wird auch bald veröffentlicht werden. Wir spielen vier grandiose Alben von uns!
Panzer: Komplett durch, oder wie?
Sibbi: Ja, wir machen einfach so ein Konzept, dass wir jedes Album von Anfang bis Ende einfach durchspielen. Das weißt du noch gar nicht… – sag du noch ein paar Gründe!
Panzer: Ich glaube der Hauptgrund – es ist echt schwierig, sich da selber zu beschreiben – aber, was ich oft hörte ist, dass man uns total ansieht, dass wir Bock haben. Und es gab wirklich in den über 600 Konzerten, die wir jetzt gespielt haben, noch nie den Moment, dass ich hinter der Bühne stand und gedacht habe: “Hey, eigentlich hab ich heute Abend keinen Bock..” Ich hab echt immer Bock zu spielen und das merkt man bei uns auch. Wir reden viel mit dem Publikum. Unsere Konzerte sind schweißtreibend – das Publikum geht immer ab und nie trocken nach Hause. Das ist eigentlich total schön. Ich bin sehr froh darüber, dass wir so ein Publikum haben, das sich echt auf die Mütze haut – im positiven Sinn – und es macht Spaß da zuzuschauen.
Sibbi: Ein Grund ist zum Beispiel, wenn jemand denkt: “Ich könnte mal wieder Sport machen!”, sollte er auf das Konzert kommen. Er wird Sport machen, schwitzen und dadurch Kilo verlieren. Im Endeffekt hat er dann aller richtig gemacht!
LT: Da unser Blog Lieblingstape heißt, wüssten wir auch von euch ganz gerne, welche Songs auf eurem persönlichen Lieblingstape zu finden wären – incl. einem euer Stücke!
Panzer: Ich würde nehmen: Foo Fighters – “Everlong“, Hot Water Music – “Trusty Chords” und The Distillers – “Drain the Blood“. Und von uns würde ich sagen “Breathing” vielleicht.
Sibbi: Schön! Ich würde nehmen von Silver Chair “Emotion Sickness“, ich würde von uns “Down Down Down” und – jetzt muss ich echt überlegen, dieser Hunger… – ach von den 5BUGs würde ich “The Fiction” nehmen und von den Avett Brothers “I and love and you“.
Panzer: Ich finde es übrigens sehr schade, dass diese Tradition von Mixtapes sehr außer Mode gekommen ist – mittlerweile macht ja jeder Mix-CDs. Das wäre eigentlich nicht so fatal, aber der Unterschied ist, dass sich eine Mix-CD innerhalb von zwei Sekunden machen lässt, in dem man das einfach da rüber zieht. Und für ein Mixtape musste man sich echt 90 Minuten lang hinsetzen und Song an Song reihen. Das war viel mehr mit Liebe gemacht! Wenn ich Frauen Mixtapes gemacht habe…
Sibbi: Dann haben sie ihn danach gleich verlassen! Aber er hatte gute Musik!
Panzer: Ja, aber ich hatte 90 gute Minuten und hab super Musik gehört…
Wir bedanken uns für ein sehr unterhaltsames Interview, so wie Speis & Trank – wir haben uns sehr wohl gefühlt und wünschen eine erfolgreiche Fortsetzung der Tour im November/Dezember!
Das Interview führte: Arabell
Fotos: Yase – Yasesart




Cooles Interview vom Lesen her
Weiter so
Das Interview liest sich echt gut. Die Jungs sind einfach coole Socken
Erinnert mich daran, dass ich sie mal wieder hören muss.