Er war seit 05:00 Uhr morgens auf den Beinen, hatte anlässlich seines bald erscheinenden Albums XOXO und seinem Auftritt im Würzburger b-Hof schon einen regelrechten Interviewmarathon hinter sich und nahm sich trotz alldem noch kurz vor seiner Show Zeit für Lieblingstape. Da im überlaufenen b-Hof kein freier und ruhiger Platz zu finden war, verschanzten wir uns in einer Art Abstellkammer und unterhielten uns über Systemabstürze bei Amazon, warum er den aktuellen Hype ziemlich gefährlich findet und welche Songs auf seinem Lieblingstape zu finden wären:
LT: Du warst schon einmal in Würzburg: Das letzte Mal vergangenen November – welche Erinnerungen hast du an das Konzert und das Würzburger Publikum?
Casper: Das war wieder in diesen riesigen Posthallen. Als wir das erste Mal in Würzburg gespielt haben, haben wir im AKW gespielt und das war perfekt. Das fand ich richtig hammer. Jetzt hab ich zwei mal in den Posthallen gespielt; backstage ist das ja alles riesig und super und Duschen und ach wie perfekt, aber es ist eben auch immer so blöd, wenn der Laden abgehangen ist. Deswegen haben wir auch gesagt: Man muss in den b-Hof kommen, aber den sehen wir ja heute auch nicht von innen. Den sehen wir ja heute auch nur von außen. Aber ansonsten geht’s in Würzburg natürlich immer auf’s Partyboot -jedes Mal! Wir waren einmal im Zauberberg, da war’s allerdings furchtbar und dann sind wir wieder auf’s Partyboot! Das ist alles, was ich über Würzburg weiß: Ich kenn die Posthallen, das AKW und das Partyboot.
LT: Bei dir standen jetzt einige Festivals, wie vergangenen Samstag das Vainstream in Münster, vor mehreren 1000 Menschen an; heute werden es knapp 500 Menschen sein: Wie sehr freust du dich auf den heutigen Abend?
Casper: Ich hoffe erst einmal, dass überhaupt 500 Menschen kommen! Ich glaube jetzt ist draußen niemand…. Festivalsachen sind ja immer etwas ganz anderes als ein Konzert. Bei einem Konzert ist es ja so, dass selbst wenn nur 20 Leute kommen, weiß man ja, dass die sich eine Karte gekauft haben, weil die uns sehen wollen. Und das ist bei Festivals immer ganz schwierig. Selbst, wenn nur 100 Leute kommen; du weißt ja nie, für wen die da sind. Zumal die meisten Festivals jetzt mittlerweile ja auch immer so durchmischt sind, was ich ja geil finde. Es gab ja früher so Rap-Festival, Metal-Festival, Indie-Festival, Punk-Festival – aber jetzt ist’s alles. Und deswegen sind Festivals immer geil zu spielen, aber es ist auch immer so ‘ne riesige Angst dabei. Und es wird auch heute so sein. Ich glaube beim Vainstream waren es fünf- oder sechstausend und selbst wenn es heute 500 werden, dann ist es immer noch das gleiche Gefühl. Es ist halt Festival, es ist Anspannung. Ich bin jetzt auch schon wieder total hibbelig. Ich bin dann auch immer so “Ist draußen wer? Ich seh niemand. Ah!” – Nino: “Doch das wird!” – “Neeein, es kommt bestimmt keiner!”
LT: Im Mai hast du den Titel und das Veröffentlichungsdatum deines neuen Albums XOXO präsentiert und ehe man sich versah hattest du dir in den Amazon-Verkaufscharts die Spitze gesichert: Wie hast du das zu dem Zeitpunkt aufgefasst?
Casper: Ich fand’s total verrückt. Man muss auch wissen, dass die Leute vorbestellt haben, während die Seite noch angelegt wurde. Das heißt, das Produkt war noch nicht einmal ganz fertig in dem System drinnen. Es wurde gerade angelegt und dann sind andauernd die Server abgeschmiert. Und dadurch dachten alle, es wäre ausverkauft und haben noch mehr bestellt. Dann ist der Server komplett eingestürzt und wir dachten: “Was ist denn da los? Was passiert da denn gerade?” Und einen Tag später stand da auf Amazon überall eins, eins, eins. Und ich nur so: “Was?” Ich hab das überhaupt nicht verstanden. Die Leute von Amazon haben dann auch angerufen: “Wir brauchen jetzt das Cover, wir brauchen jetzt das Cover!” Wir hätten das Cover auch erst viel später bekannt gegeben, aber die von Amazon haben gemeint: “Wir brauchen jetzt das Cover! Ihr seid auf Platz eins und die anderen beschweren sich, weil irgendwie niemand weiß, wer das ist” und blah. Es war schon lustig. Wer total kleines und unbekanntes stand dann plötzlich so ganz oben und alle aus der Industrie: “Hä, was ist das? Was soll das?” Das war von dem Piratenfaktor her einfach total geil. Aber im Endeffekt zählt ja nicht Amazon oder Verkäufe oder Charts. Das zählt für mich gar nicht; ich bin eigentlich eher immer noch total angespannt, weil ich gespannt bin, wie die Leute die Platte annehmen werden. Selbst wenn man total geil chartet und das alles total cool läuft; wenn die Fans die Platte scheiße finden, dann ist es auch scheiße.
LT: Da knüpft auch gleich meine nächste Frage an, denn wenn man sich zur Zeit mit Musik beschäftigt und egal, ob nun in Magazine, bei Twitter in Musikforen oder auf Facebook, es besteht gerade ein unglaublicher Hype um deine Person und das kommende Album – auch seitens anderer Bands und Künstler. Wie wirkt das auf dich und wie gehst du damit um?
Casper: Ich bin der einzige, der das selber nicht so sieht. Ein Hype ist immer ganz ganz gefährlich, weil wenn wir jetzt ganz krass verkaufen und sagen wir mal, du gehst die erste Woche Top 20 und dann fällst du sofort wieder raus: Dann ist es erfolgreich gelaufen, aber es ist irgendwie geflopt, da man sich das ja auf Langfristigkeit aufbaut. Dieser Hype ist gerade so gefährlich, weil sich ganz viele Leute gerade heiß reden und dann auch zu mir kommen und sagen: “Hey, du gehst auf die eins!”, und ich denk mir nur “Man, nein!” Ich will lieber, dass es sich beständig aufbaut und das hat bis jetzt auch gut geklappt. Wir hatten das Mixtape, dann “Hin zur Sonne”, dann Selfmade und jetzt das und es ist immer so ganz langsam und dadurch, dass sich immer mehr an Fanbase aufgebaut hat, dadurch explodiert das ja nun auch so, wenn man etwas zum Vorbestellen frei gibt. Und das Gefühl finde ich eigentlich am coolsten. Ich find’s halt geil, aber es ist auch mega anstrengend, weil ich echt jeden Tag zig Interviews mache, aber es ist voll okay. Es ist gut, es ist gut – ich finde nur den Hype gefährlich. Ich will kein Hype sein. Ich will, dass die Leute die Platte hören und sagen: “Boah, die Platte ist echt geil”, und die dann ihren Freunden zeigen und die dann sagen: “Ja, die ist echt geil.” Und nicht, dass sie’s heute geil finden und in zwei Wochen was anderes neues geil finden.
LT: Dann hast du jetzt die einmalige Gelgenheit auch bei Lieblingstape noch einmal Werbung für XOXO zu machen. Ich werde dir jetzt drei ganz beliebte Phrasen vorlegen, die in Rezensionen gerne verwendet werden, und hätte dann von dir gerne, dass du die Satz entsprechend vervollständigst.
Casper: Okay!
LT: Anders als bei “Hin zur Sonne” setzt Casper jetzt auf…
Casper: Eh…. (Wiederholt die Frage, dann Schweigen.) Krass. (Erneute Schweigepause.) Ich krieg den Satz nicht zu Ende…das ist ja total… (Schweigen.) Boah krass. Na ja, es ist alles sehr viel durchdachter. Es ist sehr viel auf den Punkt gebrachter – auf Individualität! Es ist wirklich, dass man nicht mehr sagen kann: “Na ja, das ist ein Typ, der ist wie… Und die Beats sind wie… und blah.” Eher so, dass man jetzt sagen kann: “Selbst wenn das jetzt noch nicht die komplette Vervollständigung dieser Reise ist, dann ist auf jeden Fall der erste Ankerschlag.” Ich hätte am Anfang der Platte auch nicht gedacht, dass wir das so hinkriegen.. – So, du musst den Satz jetzt selber vervollständigen (lacht).
LT: Dann gleich die nächste Phrase; die Songs werden getragen von einem Klangteppich aus…
Casper: …Postrock, Subbässe, Retrorap, Drums, – es ist einfach komplett alles drinnen, was mich musikalisch irgendwie geprägt hat. Das ist alles so durch einen Reißwolf gezogen, dass es jetzt unser Klangteppich ist.
LT: Und ganz deutlich zu hören sind die Einflüsse von…
Casper: Explosions in the sky! How to dress well, Hurts, Editors, The National, Thees Uhlmann, Materia, Modern Life is War – alle guten Bands auf der Welt!
LT: Dankeschön! Noch eine abschließende Frage: Da sich unser Blog Lieblingstape nennt, würden wir noch gerne von dir wissen, welche Songs auf deinem persönlichen Lieblingstape zu finden wären.
Casper: Auf meinem Lieblingstape wäre momentan auf jeden Fall von Frank Turner “I am disappeared“, von Travis Parker “Make it rain“, von Arcade Fire “The Suburbs“, von Bob Dylan “Stuck inside of mobile with the memphis blues again” und “Hurt” von der neuen Bon Iver Platte.
LT: Und wenn du dich noch auf einen deiner Tracks festlegen müsstest?
Casper: Von meinen Tracks wäre es auf jeden Fall vom neuen Album “Auf und Davon”.
LT: Alles klar, dankeschön!
Casper: Ich bedanke mich!
Das Interview führte: Arabell
Fotos: Yase – YasesArt

Schlichtweg sympatisch dieser Mensch =)
Nur gut, dass Casper wieder von Selfmade weg ist. Selfmade Records ist zwar ein gutes Label, aber passte einfach nicht in das Bild mit Kollegah und Favorite. Hoffentlich kann er sein Ding jetzt wirklich mal durchziehen.
jo, es ist gut, dass er jetzt nicht mehr mit diesen “gangstarappern” musik macht.
das ist ja bei ihm grad das coole, dass es intelligentere texte sind und wenn dann wie bei “mittelfinger hoch” nach seinem part nur noch 2 strophen voll inhaltlicher/künstlerischer wüste kommen, die von sportanzug-tragenden spacken gerappt werden, ist der ganze song dadurch versaut!!!!
[...] Vor wenigen Wochen haben wir Casper selbst ein Review verfassen lassen – wer es noch nicht kennt bzw. noch einmal überfliegen möchte: KLICK! [...]