Als der ehemalige Muff Potter Sänger Nagel am Mittwoch gegen 21:00 Uhr die Bühne des Wiesbadener Schlachthof betrat, ahnte niemand von den rund fünfzig Besuchern, dass es beinahe nicht zu diesem Leseabend gekommen wäre. Schuld daran war Nagel selbst. Zwei Tage zuvor hatte er nach seiner Lesung in Wien sowohl einen Karton mit seinen Büchern und seinen Vinyls als auch seinen Laptop im Taxi liegen lassen. Nichtsdestotrotz hatte er sich letzten Endes für ein Fortbestehen der Tour entschieden. Laptops kann man sich leihen – Bücher kann man sich nochmal schicken lassen – limitierte Vinyls…. findet man evtl. in naher Zukunft auf ebay.at – aber das ist eine andere Geschichte. Zum Einstieg seiner Lesung präsentierte er uns anhand einer Reihe ausgewählter Fotos seine Eindrücke der bisherigen Lesetour. Niki Lauda und Gott bekamen ihr Fett weg und ich entdeckte mit „Schwulitäten“ ein neues Lieblingswort.
Neben Textausschnitten aus seinem Roman „Was kostet die Welt“ lieferte Nagel eine Menge zusätzlicher Hintergrundinformationen, sowie die ein oder andere Anekdote aus seinem Leben. Unter anderem jene, dass er bei seiner Lesung in Berlin durch Zufall einen Muff Potter Fan namens Mario aus Italien kennenlernen durfte. Von ihm erfuhr er, dass Muff Potter für ihn der Beweggrund waren, Deutsch zu lernen. Nagel beschrieb es als den schönsten Moment in seinem Leben.
Eine Fan-Begegnung der anderen Art ereignete sich jedoch im Schlachthof: Mitten in einer Erklärung, brach Nagel ab und fragte ein recht jung wirkendes Mädchen im Donots-Pulli aus der ersten Reihe, ob sie denn gerade mitfilmen würde. Ohne Scham gab sie es zu und Nagel hielt ihr einen Vortrag darüber, dass sie den Moment nicht festhalten könne: „Du kannst nicht alles konservieren!“ Während er sich kurzzeitig in Rage redete, filmte das Mädchen munter weiter, bis Nagel resigniert aufgab und mit dem nächsten Auszug fortfuhr.
Um einiges besser traf es eine junge Dame namens Alina. Zusammen mit Nagel durfte sie einen Abschnitt aus dem hinteren Teil des Romans vortragen. Man muss ihr zugestehen, dass sie das mit Bravour meisterte und Nagels Aufforderung, „Ich möchte, dass ihr klatscht, bis Alina wieder auf ihrem Platz ist.“ absolut gerechtfertigt war.
Gegen Ende der Lesung setzte er dann auch immer mehr auf die musikalische Untermalung des Ganzen. Ob Klaus Lage, New Order oder ein Stück Textdisco seiner eigenen „Was kostet die Welt“-Vinyl – an der richtigen Stelle eingesetzt, ergab es ein tolles Zusammenspiel.
Mit seiner ruhigen Stimme schaffte es Nagel, seine Zuhörer so sehr zu fesseln, dass die Zeit nur so an ihnen vorbei flog. Nach zwei Stunden und zwei kurzen Raucherpausen hatte jeder noch einmal die Möglichkeit, ein persönliches Feedback zu geben, sich seine Ausgabe signieren oder ggf. umändern zu lassen.
Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte dieser Abend nie enden sollen – seiner Stimme und seine Art des Vortragens hätte ich noch stundenlang zuhören können.
Arabell || Pennsocke
